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Selbstverwaltung

Ein Geschäftsführer, der unsere Einrichtung 2001 verlassen hat, schrieb uns in einem versöhnlichen Brief: „Ich stimme Ihnen zu, dass uns das 1999 zusammenführende Vorhaben, Entscheidungen dorthin zu verlagern, wo sie auch auszuführen (zu verantworten) sind, gescheitert ist.“ An anderer Stelle schrieb er: „Im Frühjahr habe ich eine Konflikttagung am Goetheanum (Schweiz) besucht und hatte nur eine einzige Frage mitgebracht: Warum sind gerade in anthroposophisch orientierten Einrichtungen so viele und so zersetzende, Menschen verschleißende Konflikte vorhanden?“

Nachdem wir auf dem Martinshof seit der Gründung daran gearbeitet haben, eine selbst-verwaltete Lebens- und Arbeitsgemeinschaft aufzubauen, haben wir diesen Anspruch aufgegeben. Trotzdem haben wir immer wieder geprüft, welche Form der Verwaltung für die uns anvertrauten Menschen am erfolgsreichsten wären. Dabei stand das Wohlergehen unserer Bewohner stets im Mittelpunkt unserer Betrachtungen.
Während Lehrer in anthroposophischen Schulen sich in der unterrichtsfreien Zeit zusammenfinden, um in Konferenzen und Arbeitsgruppen zu diskutieren und Entscheidungen zu treffen, kommen Mitarbeiter einer Werkstatt nur schwer außerhalb der Arbeitszeit zusammen, Mitarbeiter aus den Heimen, die Tag und Nacht, sowie an Sonn- und Feiertagen ihren Dienst verrichten müssen, sind noch schwieriger zu versammeln.

Zusätzlich zu dieser anspruchsvollen Arbeit noch Führungs- und Verwaltungsaufgaben zu übernehmen überfordert die Mitarbeiter. Menschen, die im Beruf überfordert werden, reagieren aggressiv und werden krank. Sie hoffen, durch den Wechsel in eine andere Einrichtung, dem Stress zu entgehen und kommen vom Regen in die Traufe, wenn sie wieder auf einen selbstverwalteten Hof kommen.  Seitdem wir den Versuch aufgegeben haben, die Selbstverwaltung in der „klassischen“ Form einzuführen, haben wir nur positive Erfahrungen sammeln können.

Die Fluktuation und die Krankheitstage sind deutlich zurückgegangen. Die Arbeitszufriedenheit und die Stimmung auf dem Hof haben sich gebessert. Diese positive Entwicklung ist auch bei unseren Bewohnern angekommen, deren Zufriedenheit ebenfalls zugenommen hat. Das alles hat auch  Auswirkungen auf unser wirtschaftliches Ergebnis. Wir haben alle Plätze belegt und eine lange Warteliste. Die Elterngespräche und die Gespräche mit den Ämtern verlaufen informativ und entspannt.

Es ist uns kein erstrebenwertes Ziel mehr, die Selbstverwaltung als alleiniges Merkmal einer anthroposophischen Einrichtung auf dem Martinshof zu verwirklichen.